Ignoranz. Oder was mich wütend macht, weil es mich wütend macht.

Hallo liebe Mingles,

heute muss ich mir mal etwas Luft machen und ich hoffe Ihr verzeiht mir diese Intention meines Blogposts! Ihr kennt bestimmt diese Situation: Man sitzt bester Laune mit Freunden, Familie oder Kollegen zusammen, unterhält sich über Brangelina, Biersorten und den Begriff „Angst“ bei Kierkegaard – also die wirklich wichtigen Dinge des Lebens – und auf einmal kommt da dieser eine Satz:

„Da hat ja jeder seine eigene Meinung!“

…und innerhalb von Millisekunden verfinstert sich meine Miene. Versteht mich bitte nicht falsch, ich bin grundsätzlich ein positiver und versuchshalber auch genügsamer Mensch, aber in solchen Situationen möchte ich meinen Kopf so oft auf die Tischplatte schlagen, bis ich den ganzen Mumpitz um mich herum nicht mehr hören kann. Nun möchte ich nicht behaupten, dass ich Ms. Superbrain bin, jedoch bilde ich mir ganz gewaltig ein, ein ausgeprägtes Gerechtigkeitsbewusstein inne zu haben, was allein schon zu gewaltiger Verwirrung bei meinen Mitmenschen führt.

Dieses Streben nach Gerechtigkeit hatte ich schon seit meiner Kindheit und es hat mich schon damals in Zusammenarbeit mit meiner großen Klappe ständig in Schwierigkeiten gebracht, aber inzwischen möchte ich mein Gerechtigkeitsbewusstsein und den Drang nach Toleranz und Offenheit überhaupt nicht missen, denn es ermöglicht mir eine andere Sicht auf die Menschen und meine Umgebung. Schon als Kind hatte ich den subjektiven Eindruck, dass ich die Dinge irgendwie anders wahrnehme und verstehe als mein Umfeld. Erst durch mein Philosophie Studium konnte ich feststellen, dass ich nicht die einzige bin, die zu viel grübelt, um die Ecke denkt und sich alles irgendwie komplizierter macht, als es eigentlich ist. Und im Prinzip komme ich nur zu der Fragestellung, warum nicht einfach alle mal nett zueinander sind. Bei vielen diskussionswürdigen Themen bin ich durch diese Umstände definitiv eine wahnsinnig übertolerante linksversiffte Gutmenschentante, doch selbst meine Toleranz nimmt ein Ende, bei diesem einen Satz!

Mich ärgert es einfach wahnsinnig (und dann ärgere ich mich darüber, dass ich mich ärgere!), wenn Menschen ihr gefährliches Halbwissen in die Welt hinausspucken, ohne dass es ihnen zumindest peinlich wäre. Als wenn der ebenso beliebte, wie gefährliche Halbsatz: „Aber das ist nur meine Meinung!“ es irgendwie besser machen würde, wenn man verbalen Abfall von sich gibt. Wenn man sich doch eigentlich absolut im Klaren darüber bist, dass man von einem Thema keine Ahnung hat und bisher nicht mal (!) einen VICE-Artikel darüber gelesen hat, dann sollte man doch imstande sein der Welt mitzuteilen: „Ich habe davon keine Ahnung!“ oder noch besser und weitaus ehrlicher wäre ein „Juckt mich nicht!“. Aber nein, das wäre nun mal zu einfach für mein Seelenkostüm. Stattdessen kommt dann ein peinliches Gestotter, wenn man nach expliziten Quellen fragt oder wenn man die besseren Argumente hat erneut ein simples: „Das ist halt meine Meinung!“ *Kopf auf Tischplatte* Die Erklärung „Ich empfinde das nun mal so!“ würde mir zumindest eher irgendwie begreiflich werden…

Nun gerate ich tagtäglich über solche Stolpersteine, weil ich und mein Lebensstil für den Ottonormalverbraucher einen fruchtbaren Kritikboden darbieten, die des Öfteren dann gerne zur Diskussionszone umfunktioniert werden, um mich langsam aber sicher mürbe und wahnsinnig zu machen. Beliebte Fragen sind dann beispielsweise:

„Wann bist du endlich fertig mit dem Studium?“; „Was macht man denn bitte mit Philosophie?“; „Da arbeitest du? “; „Wieso hast du keinen Freund?“; „Willst du nicht bald mal Kinder kriegen?“

Hinzukommt, dass ich frecherweise, kein Fleisch esse und tatsächlich des Öfteren schon mal ein Buch aufgeschlagen habe, indem es nicht ausschließlich um reiche Sadomaso-Glitzer-Vampire im Rollstuhl geht, die nur noch sechs Monate zu Leben haben! Auch wenn ich wünschte, ich hätte mehr Geduld und Zeit, um unendlich viel mehr Bücher zu lesen. Aber das ist eine andere Trauergeschichte. Momentan bin ich froh, wenn ich meine knapp Dutzend Artikel pro Tag lese und mich einigermaßen informiert fühle, über das, was da so geschieht auf unserem schön schrecklichen Erdball.

Ich schaffe es also tatsächlich, neben dem ganzen Kein-Fleisch-essen und rumphilosophieren, über das tägliche Weltgeschehen informiert zu sein und mir daraus eine Meinung zu bilden oder es zumindest zu versuchen. Wenn mich etwas interessiert oder ich etwas nicht verstehe, dann recherchiere ich, falls ich es dann immer noch nicht verstehe, diskutiere ich es auch gerne mit Freunden. So weit, so easy. Sollte man meinen! Doch leider erschwert es meinen Alltag und den Umgang mit Mitmenschen insofern, dass vielen Individuen und ich würde beinahe behaupten, den meisten Individuen, das aktive Zuhören abhandengekommen ist, bzw. haben sie es noch nie besessen. Sie berichten von ihrer Meinung, ausschließlich um sie loszuwerden. Es werden Meinungen herausposaunt, um Stellung zu beziehen, weil es „wichtig“ und „cool“ erscheint, Stellung zu beziehen, um seinen Platz in der Welt zu manifestieren und sich selbst ganz sicher in eine Schublade zu stecken, ohne darüber nachzudenken, ob das Mitteilen des Geschwafels einen Mehrwert für sich oder die Außenwelt darstellt und ob diese Schublade wirklich so knorke ist.

Viele Menschen in meinem Umfeld oder sehr weiten Bekanntenkreis sind jedoch der Ansicht, dass man sich eine Meinung bilden darf/soll/muss, einfach nur weil man atmet. Ich bin wiederum der Meinung, dass die Leute anfangen sollten, sich weniger subjektive Meinungen zu bilden und vielmehr beginnen sollten, sich zu informieren und sich auch mal trauen zu sagen „Ich verstehe das nicht! Weißt du darüber vielleicht mehr als ich?“ Das zeugt von weitaus mehr Größe als jeder Bullshit Talk am Stammtisch!

Außerdem stellt „Jeder hat doch seine eigene Meinung darüber!“ nichts weiter als ein Versuch Schlichtung in eine unmögliche Diskussion zu bringen. Ich habe lange genug Geisteswissenschaft studiert, um behaupten zu können, dass man diskutieren kann, ohne de facto zu streiten und nicht einer Meinung sein muss, um weiterhin befreundet/verwandt/verkommilitont zu sein! Warum haben die Menschen in Deutschland so große Angst davor zu diskutieren? Ist aus einem „Ja“ und „Amen“-Gespräch jemals etwas Fruchtbares entstanden? Hat es irgendeine Gesellschaft, einen Staat, eine Kultur, jemals konkret voran gebracht, weil alle sich an den Händen hielten und gesagt haben: “Jo, wir sind alle einer Meinung, halleluja!“

Ich wage zu behaupten, dass ich ein harmoniebedürftiger Mensch bin, aber was will ich mit Menschen, die kein Korrektiv für mich darstellen, mich nicht in Frage stellen können, mir keine Dinge beibringen oder einfach nur mal sagen können „Du, das weiß ich besser als du, jetzt pass mal auf!“ Wie soll ein Mensch wachsen, wenn er in seiner ignoranten Ecke bleibt und die Informationen akzeptiert, die in sein minderbemitteltes Weltbild passen und wie soll der Geist wachsen, wenn niemand da ist, der es besser weiß als du und dies auch mit dir teilen möchte?!

Können wir einfach mal wieder in den Diskurs miteinander treten?! Im Alltag? Im Supermarkt? Im Wartezimmer? Können wir auch einfach mal sagen, was wir denken, weil wir uns darüber informiert haben, weil uns ein Thema am Herzen liegt und wir das miteinander teilen wollen? Können wir wieder lernen aktiv zuzuhören? Zuzuhören, um zu verstehen und nicht zu warten bis der andere endlich fertig ist, damit man seine eigenen Geschichten herausblöken kann?!

Ich würde mir einfach wünschen, dass die Leute, die wirklich Ahnung haben, wieder Bock haben, andere zu informieren und sie nicht dumm sterben zu lassen und die Leute, die einfach keine Ahnung haben, einfach mal wieder öfter die Fresse halten oder sich einfach mal trauen zu sagen „Ey, ich raff das irgendwie nicht. Kannst du mir das mal erklären?“ Bis dahin warte ich auf den Tag, an dem mich bestimmt Sätze nicht mehr aufregen, sondern nur noch langweilen.

Das war es von meine potentiell aggressiven Ergüssen, bis nächste Woche!

Eure Alina

4 Gedanken zu “Ignoranz. Oder was mich wütend macht, weil es mich wütend macht.

  1. Au ja. Ich finde mich wieder. Was mir dazu alles einfällt, während ich eigentlich arbeiten sollte.

    StudiVZ (das waren Zeiten), und die Gruppe „Wer keine Ahnung hat, einfach mal die Fresse halten!“.
    Ich gebe zu, in Gedanken habe ich das schon vielen ins Gesicht gesagt. Wirklich getraut habe ich mich nicht. Noch!!

    Halbinformiertheit, Wichtigtuerei, Meinungen (..sind wie Arschlöcher – jeder hat eins!), subsummiert: Bullshit. Die Geissel der Dekade, Donald Duck Trump der Kristallisationspunkt, der Zenit des Haufens.
    Hierzu, liebe Alina, lege ich Dir wärmstens „On Bullshit“ vom amerikanischen Philosophen Harry Frankfurt ans Herz. Liest sich in einer halben Stunde und bietet wertvolle Einblicke in unsere Zeit.

    Diskurs, Erkenntnisse darin erarbeiten? Leider. Wir brauchen doch Geschlossenheit!
    Volker Pispers, mein Liebling, bringt das so schön auf den Punkt:

    Schön, wenn sich in dem ganzen Mist dann mal eine kritisch denkende Perle findet. Unter all den Säuen 😀

    Gefällt 1 Person

    1. Huhu! Du hast vollkommen Recht, ich habe mehrere Texte in der Pipeline, die aber aufgrund von Weihnachtsvorbereitungen und Wehwehchen irgendwie stecken geblieben sind, bevor sie ihren Feinschliff erhalten konnten. Ich hoffe, dass ich über die Feiertage genug Ruhe und Zeit habe, meinen Texten und meinem Blog die Aufmerksamkeit zu schenken, die sie verdienen. Aber schön zu sehen, dass jemand mit Feuereifer liest und den Blog verfolgt. Bestes Weihnachtsgeschenk. ❤️🎄 Ein besinnliches Weihnachtsfest und hoffentlich liest man sich noch in diesem Jahr! 😉

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