Von der Einsamkeit der halben Kugelmenschen

Hallo liebe Mingles, Singles, Beziehungsmonster und die, die es noch werden wollen,

dann und wann passiert es auch mal im Leben eines Mingles, da hängt dieser kühn die Belanglosigkeiten des Lebens, die mit einer gewissen Promiskuität des Mingle-Daseins zwangsweise einhergehen, an den Nagel und betritt das unbekannte Terrain einer Beziehung; mit einem Partner, einem realen echten Partner! Hinzukommen die ganz gewöhnlichen Verrücktheiten wie das Kennenlernen der Eltern, schmalzige WhatsApp-Nachrichten, die Schmetterlinge im Bauch und ein ungewohntes Gefühl der Beständigkeit. „Sie kennen das!“ Aufgrund der Tatsache, dass der frisch vergebene Homo sapiens sapiens sich nun zusätzlich durch die Augen seines Partners betrachten, sich unter Umständen damit zum ersten Mal wirklich mit sich selbst beschäftigen muss und damit in eine tiefe Sinnkrise stürzen könnte, darf man sich auch die Frage stellen: Woher weiß ich, dass es das jetzt ist?

Im antiken Griechenland gab es die relativ populäre Sage der Kugelmenschen. Wenn du diese noch nicht kennst, Wikipedia weiß Rat:

„Im Symposion wird der Verlauf eines Gastmahls beschrieben, an dem sechs Teilnehmer Reden über Eros und die Erotik halten. Jede der Reden beleuchtet das Thema unter einem besonderen Aspekt. Als vierter Redner kommt Aristophanes an die Reihe (…)

Dem Mythos zufolge war die menschliche Natur ursprünglich ganz anders als die den Zuhörern vertraute. Die Menschen hatten kugelförmige Rümpfe sowie vier Hände und Füße und zwei Gesichter mit je zwei Ohren auf einem Kopf, den ein kreisrunder Hals trug. Die Gesichter blickten in entgegengesetzte Richtungen. Mit ihren acht Gliedmaßen konnten sich die Kugelmenschen schnell fortbewegen, nicht nur aufrecht, sondern auch so wie ein Turner, der ein Rad schlägt. Es gab nicht nur zwei Geschlechter, sondern drei: Manche Kugelmenschen waren rein männlich, andere rein weiblich, wiederum andere – die andrógynoi – hatten eine männliche und eine weibliche Hälfte. Die rein männlichen stammten ursprünglich von der Sonne ab, die rein weiblichen von der Erde, die androgynen (zweigeschlechtlichen) vom Mond.

Unbenannt

Die Kugelmenschen verfügten über gewaltige Kraft und großen Wagemut. In ihrem Übermut wollten sie sich einen Weg zum Himmel bahnen und die Götter angreifen. Der Himmelsherrscher Zeus beriet mit den anderen Göttern, wie zu verfahren sei. Die Götter wollten das Menschengeschlecht nicht vernichten, denn sie legten Wert auf die Ehrenbezeugungen und Opfer der Menschen. Daher entschied sich Zeus, die Kugelmenschen zu schwächen, indem er jeden von ihnen in zwei Hälften zerschnitt. Diese Hälften sind die heutigen zweibeinigen Menschen. Aus der Sicht des Zeus bestand ein zusätzlicher Vorteil dieser Maßnahme darin, dass sich die Anzahl der Menschen und damit auch der Opfer für die Götter verdoppelte. Für den Fall, dass die Bestraften weiterhin frevelten und keine Ruhe hielten, plante er, sie nochmals zu spalten; dann müssten sie künftig auf einem Bein hüpfen. Der Gott Apollon erhielt den Auftrag, die Gesichter zur Schnittfläche – der heutigen Bauchseite – hin umzudrehen und die Wunden zu schließen, indem er die Haut über die Bäuche zog und am Nabel zusammenband. Am Nabel ließ er Falten zur Erinnerung an die Teilung zurück. Die Geschlechtsteile blieben auf der anderen, früher nach außen gewendeten Seite, der jetzigen Rückenseite.“

Als Notiz am Rande: Ist es nicht faszinierend, wie vermeintlich fortschrittlich die griechischen Philosophen Homosexualität und Androgynität als selbstverständlich betrachteten? Da könnte sich die AfD im Jahre 2018 auch noch eine ganz gewaltige Scheibe von abschneiden! Dass die alten Philosophen auch gerne Geschlechtsverkehr mit gutaussehenden Jünglingen hatten, besprechen wir an dieser Stelle nicht, da die Knabenliebe heute nicht mein Thema darstellt… Aber spannend ist es allemal!

Nun irren also diese halben Kugelmenschen auf der Erde herum und suchen ihr Gegenstück. Wenn wir ins Hier und Jetzt schauen, existiert ein ähnlicher Mythos: Den Einen oder die Eine tatsächlich zu finden, unseren Gegenpart, unseren Seelenverwandten, unsere andere Hälfte des einstigen Kugelmenschen. Ob wir dies in einer Transferzeit von Smartphone und Tinder wirklich leichter finden, sei mal dahingestellt. Wie ich schon in einem Stern-Kommentar vor Jahren schrieb:

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W­­­­­oher weiß man, dass es vorbei ist mit dem Tindergarten und die Eine oder der Eine dir da gerade dämliche Emojis schickt, um dir den Tag zu versüßen? Was sind die Grundvoraussetzungen dafür, dass man sich überhaupt auf jemanden einlässt? Wie kommt man von der Single- und Mingle-Zone in die „Beziehungszone“?

Jemanden kennenzulernen ist nun mal nicht schwer, ob vom Sofa aus, im Teletext (Brüller!) oder auf der Straße/im Club/im Fitness Studio. Alles ist möglich!

Doch was hier bislang für den ein oder anderen so furchtbar belanglos klingt, ist in meinen Augen mit unwahrscheinlich vielen Zufällen verbunden. Diese Zufälle müssen zuerst einmal zusammenspielen, damit eine Beziehung zustande kommt und im Nachgang auch noch wirklich relevant für dich und deine Zukunft sein kann. Und das stellt auch die Essenz und die Intention meines heutigen Blogeintrags dar. Ich stehe einfach nur verwundert wie ein Kind vor der Tatsache, dass Menschen es tatsächlich schaffen einander zu finden. Wie unwahrscheinlich und wundervoll zu gleich? Im Anschluss auch noch zusammen zu bleiben und sich als Ganzes gemeinsam weiterzuentwickeln wäre dann die nächste Reise, die ansteht.

Meinem Empfinden nach, muss man oftmals exakt den richtigen Moment abpassen, indem man den richtigen Grat zwischen Verletzlichkeit und Selbstwertschätzung erreicht hat, um nach einem anfänglichen „Du bist ziemlich cool!“ den nächsten Schritt gehen zu können und zu verkünden „Also irgendwie will ich dich behalten.“ Und das Komplizierte daran ist, dass der andere in einer ähnlichen emotionalen Verfassung wie man selber sein muss und DANN muss man sich ja auch noch unter acht Milliarden Menschen begegnen. Abgesehen davon, dass man es in unserer Generation Y auch noch gebacken kriegen muss, dem anderen auch wirklich zu schreiben, wenn man den- oder diejenige mag. Und nicht wochenlang in seine Chipstüte flennt, weil das Objekt der Begierde seit 24 Stunden nicht geantwortet hat, man ja jetzt nicht als „Schwächling“ dastehen möchte und deshalb nicht als erste/r schreibt. Wer hat sich DIE Scheiße eigentlich ausgedacht?

Ich befinde es als furchtbar schwierig, sich auf einen Menschen einzulassen, wenn man sich selbst in einer geradezu narzisstischen Phase befindet, in der man sich selbst so fabelhaft findet, dass man sowieso der Meinung ist, dass niemand gut genug für einen sein kann.

Gerne schwankt es aber auch mal in das andere Extrem: Sich selbst ätzend zu finden, trägt dazu bei, dass man sich in ungesunden und von Abhängigkeit nur so strotzenden Beziehungen wiederfindet, nach denen man sich im Nachgang nur denkt: “Die Erfahrung hätte ich mir jetzt auch sparen können.“ Denn, wie es schon in dem wunderbaren Film und einer meiner persönlichen Lieblings-Feel-Good-Movies „Vielleicht lieber morgen“(engl: „The perks of being a wallflower“) auf den Punkt gebracht wurde: „Man akzeptiert immer denjenigen, den man meint zu verdienen.“

Aus all diesen genannten Gründen kann man solche Dinge nie erzwingen, braucht es doch so unglaublich viele Zufälle, um eine Beziehung auch nur zur Option werden zu lassen, die auch noch wirklich von Bestand ist. Eine Garantie, dass man nicht nur in das Verliebtsein verliebt ist, gibt es dann auch immer noch nicht. Man kann eigentlich nichts weiter tun, als zu leben (Wirklich zu leben! Nicht nur Abends RTL schauen und hoffen, dass der Ritter auf seinem Schimmel in dein Wohnzimmer galoppiert kommt!), offen durch die Welt zu gehen und in Sachen Zukunft positiv gestimmt zu sein.

Nach Trennungen oder anderen Lebensereignissen, die die eigene Seele in tiefschwarze Nacht stürzen ist unser „inneres Seelenpendel“ aus dem Gleichgewicht geraten (Obacht! Jetzt wird’s esoterisch, ich zünd‘ schon mal ein Räucherstäbchen an!) und schwingt unkontrolliert zwischen „Ich bin alleine eh viel glücklicher!“ und „Ich werde einsam sterben, und meine Katzen werden mein Gesicht fressen, nachdem ich über den Jordan gegangen bin.“. Trennungen und Liebeskummer führen dazu, dass wir unseren eigenen gesunden Rhythmus verloren haben und diesen wieder zu finden stellt ein hartes Stück Arbeit dar. Eine Prämisse in diesem Spiel ist aber leider nicht beeinflussbar, und zwar: Die Zeit! Die Zeit erscheint als unser Feind, robbt sich doch so langsam dahin und alle Freunden sagen uns wie im Chor: “Die Zeit heilt alle Wunden!“ Doch anstatt schlichtweg auf diesen Zeitpunkt zu warten, wenn nur noch die Narben des zuvor gebrochenen Herzens vorhanden sind, kann man diese aus dem Takt gekommene Zeit für so viele Dinge nutzen! Gibt es einen besseren Zeitpunkt, als Dummheiten zu begehen, die man nur mit seiner besten Freundin nach einer Flasche Tequila begeht? Gibt es einen besseren Zeitpunkt, als sich alleine Zuhause mit einer Familienpackung Eiscreme vor den Fernseher zu fläzen und einfach gar nichts zu tun? Gibt es eine bessere Zeit als alle möglichen Dinge auszuprobieren und zu erleben, um sich selbst zu spüren und damit wieder einzupendeln, als nach einer Trennung oder einer unerwiderten Liebe? Diese Zeit ist genauso wertvoll und kostbar wie die schönen und unschönen Zeiten einer Beziehung, die ebenso den Erfahrungsschatz so viel reicher machen.

Wenn man dann mit Ehepartner, zweieinhalb Kindern, Golden Retriever, Bausparvertrag in der Reihenendhaushälfte sitzt, denkt man an diese Zeit zurück und erinnert sich wie viel man fühlen konnte. Fühlen kann man dann hoffentlich immer noch, nur das Gefühl der Beständigkeit und Sicherheit kommt dazu, die wohl mit zunehmenden Alter des Mingles gerne einen geheimen Wunsch darstellt. Beständigkeit ist jedoch nicht gleichbedeutend mit Langeweile, sondern viel mehr damit, dass der Mensch sich mit zunehmender Reife darüber bewusst wird, dass das Auf- und Ab von Gefühlen und der extreme Wechsel zwischen Hell und Dunkel unglaublich ermüdend ist und vollends erschöpft und glücklich ist man bekannterweise nur nach den wenigsten Aktivitäten…

Man sagt, haben sich zwei Menschen (die zwei Hälften des einen Kugelmenschen) wieder gefunden – kann sie nichts mehr auseinander reißen. Waren sie doch schon immer eins.

 

In diesem Sinne,

ein wunderschönes Wochenende und ganz viel Liebe!

Eure Alina

Ein Gedanke zu “Von der Einsamkeit der halben Kugelmenschen

  1. Juhu, ein neuer Post!
    Auch frohes neues Jahr im Nachhinein! wollte ich schon eine ganze Weile sagen 🙂

    Tindergarten :-DDD

    Die sozialen Medien haben unsere Gesellschaft schon sehr verändert…und vielleicht nicht zum besseren. Viel mehr Auswahl, und viel weniger Tiefgang. Ein (jüngerer) Freund, der mit dem Smarthpone, Whatsapp, Tinder aufgewachsen ist, hat mich mal gefragt, wie das eigentlich war, vor dieser Ära sich abends zum Ausgehen zu verabreden.
    Es war….anders. Definitiv 🙂 Also, es hat schon mal damit angefangen, sich zu verabreden. Im sinne von, fix! Und das zu einer Zeit, an einem Ort. Und das ist dann auch passiert 😀

    Mich beschleicht irgendwie das Gefühl, Trost spenden zu wollen.
    Wenn ich also unbebetene Ratschläge geben darf:

    Wie, wann weiß man, ob frau des Glück gefunden hat, „die/den Richtigen“? Antwort: Nie. Menschen trennen sich nach der ersten Nacht, Wochen, aber auch nach Jahrzehnten, Kindern, Reihenhaus und Gartenzwergen.

    Jeder Mensch ist einzigartig, aber Partner sind austauschbarer, als Walt Disney (Aristophanes Padawan) uns glauben lassen will:

    Jede(r), die/der schon mehr als einmal verliebt war, weiss das. Oder sollte 🙂

    Was gemeinsam geteilt und gefühlt wird, in der Vergangenheit wurde, macht den jeweils anderen zu dem Besonderen, nicht die Gene und sonstigen Charakteristika. Die griechische Legende ist meiner Meinung nach ein Irrweg. Hübsches Gedankengebäude, aber falsch….es ist nicht die eine Person, die es zu finden gilt. Sondern sie entsteht, durch Teilen.

    Sicher gibt es geeigentere, und weniger geeigentere KandidatInnen. Natürlich hilft es, sich gegenseitig riechen zu können, und ähnliche Werte, Vorlieben zu teilen. Sexuelle Anziehung. All das mag das einander näher kommen beschleunigen, wo dann Liebe entsteht. Es kann ganz schnell gehen, oder Jahre dauern.

    Ich möchte gerne Mahatma Gandhi zitieren:
    “Live as if you were to die tomorrow. Learn as if you were to live forever.”

    (Er)lebe, fühle. Carpe Diem! Noctem. Geniesse den Moment. Bereue nicht. Manche sind nur kurz Wegefährten, manche begleiten Dich lange. Vielleicht, bis der Vorhang fällt. Bei jeder neuen Begegnung bist Du reifer, reicher, erfahrener mit dem Gegenüber, und Dir selbst.

    Sag „Ja“ zum Moment, zum Jetzt hin und hier, und setze einen Schritt vor den anderen. Wer weiss, wo Du ankommst…aber wer nicht losgeht, kommt nicht an. Journey before destination 😉

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