Vom Aufwachsen zwischen zwei Kulturen

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Hallo liebe Leser, Moin Moin liebe Mingles!

Wie Ihr seht, habe ich meinen Blog in den letzten Monaten mehr als vernachlässigt. Mein Leben verlief nicht nach Plan und damit lag auch meine Inspiration brach und wenn ich schreibe, dann möchte ich, dass es für mich von Bedeutung ist, sodass es auch eventuell für irgendjemanden dort draußen von Bedeutung sein kann. Somit schreibe ich Euch heute wieder voller Tatendrang!

Vor genau 27 Jahren wurde dieses Foto von mir am Moskauer Flughafen geschossen. Das letzte Foto als Russlanddeutsche in Russland, das Ende einer Ära einer ganzen Familie, ein Neuanfang in der fremden Heimat und ein Aufbruch in eine vielversprechendere Zukunft. Seit 27 Jahren bin ich in diesem schönen Land, aber aller Anfang ist schwer und manchmal ist es auch heute noch anstrengend. 

Ich weiß, wie es ist, zwischen zwei Kulturen aufzuwachsen und dies hat nicht nur schöne Seiten: In Russland waren wir „die Nazis“, in Deutschland „die Kommunisten“. Kinder sind grausam, die meisten Lehrer sind dämlich und blind und Menschen im Allgemeinen können so unfassbar dumm sein. Ich bin froh, dass es diese ganzen Kackbratzen im Laufe meiner Kindheit nicht geschafft haben, mir meine positive Energie zu rauben! Überhaupt müssen Kinder von Alleinerziehenden laut Meinung einiger „auserwählter“ Pädagogen sicherlich asozial sein. Das ist eigentlich das Top-Kriterium für Asozialität!

Wir hatten keinen leichten Start in Deutschland, jedoch bin ich mehr als dankbar dafür, dass meine Mutter diese Entscheidung getroffen und als studierte und diplomierte Chefin über 150 Leute ihren Dienst quittierte, um ihrer Tochter ein besseres Leben zu bieten. Wir waren keine Flüchtlinge (meine Vorfahren zwar schon!), aber wir mussten uns auch jeden Tag beweisen und mit fremdenfeindlichen Aussagen kämpfen. Ich habe immer mit meiner „nationalen Identität“ gehadert und mich oftmals keiner Nationalität so richtig zugehörig gefühlt und das bloß durch wahnwitzige Aussagen von Außen. Ich habe nie Russisch gesprochen, meine Mutter legte größten Wert darauf, dass ich ohne Akzent aufwachse und es in der Schule leichter habe. Dafür bekam ich die Quittung von beiden Seiten: Viele Russen oder Russlanddeutsche verstanden oftmals nicht, wie ich meine „Herkunft verraten kann“, weil ich die Sprache nicht beherrsche und die „deutschen Deutschen“ haben mich trotzdem als Russin betrachtet, auch wenn ich außer „Priwet“ (Hallo!) und „Paka“(Tschüss!)  kaum etwas Passables zustande brachte. Selbst an der Universität, als ich dann endlich mal einen Russischkurs belegen wollte, um das Kyrillische wenigstens lesen und schreiben zu können, hatte ich mit Problemen zu kämpfen: Ich wollte angeblich nur Creditpoints erschleichen und gehöre nicht in diesen Kurs., weil ich ganz sicher nur so tun würde, als könnte ich kein Russisch. Danke Frau Dr. Bryan für diesen Einblick in universitäre Strukturen an der Uni Wuppertal, die sich scheinbar durch Geringschätzung für Ehrlichkeit und durch unnötige Ignoranz auszeichneten. Danke für die Demütigung im Russischkurs vor allen anderen Kommilitonen*Innen! Mit Anfang 20 hatte ich an solchen Aussagen hart zu knabbern und einfach noch nicht den Biss, mich gegen solche Dummheiten zu wehren.
Erst nach meinem Satz:“Ich dachte ich wäre hier an einer Universität, umgeben von intelligenten Menschen, die sich auch vorstellen können, dass man in einem anderen Land geboren sein kann, ohne die dortige Sprache zu sprechen.“ wurde mir überhaupt erst zugehört.

Egal wie man es als Russlanddeutsche wohl angeht, man macht es falsch. Dieser Eindruck wurde mir im Laufe meines Lebens immer wieder bestätigt. Sei es der Schuldirektor an meinem ersten Schultag, der meine Mutter erzürnt darauf „hinwies“, dass sie mich noch dringend zum Förderunterricht anmelden müsse. Auf die Frage warum, antwortete er nur:“Sie kommen doch aus Russland!“ Ich stand da in meinem neuen Blümchenkleid mit weißem Kragen, einer Palme auf dem Kopf mit einem pinken Haargummi und mit meiner roten Schultüte aus Filz mit einem lustigen Hund darauf und verstand nicht, was dieser große böse Mann von meiner Mama wollte. Zwei Jahre später war ich Klassenbeste in seiner Klasse. Zu erwähnen, dass ich nie einen Förderunterricht besuchte, ist wohl obsolet.

Auf einer Privatschule in der fünften und sechsten Klasse lernte ich dann erst richtig kennen, was Mobbing aufgrund von Fremdenfeindlichkeit bedeutete. Eine 11-jährige versteht nicht, warum sie Kalaschnikovs im Keller haben soll, was sie mit Gorbatschow am Hut hat und Sätze wie „Du bist in Russland geboren, du wirst niemals eine Deutsche sein!“ sorgten für Tränen und die immerwährende Frage „Was stimmt denn nicht mit mir?“. Aber gut, Kinder sind grausam und verzogene Balger reicher Eltern erst Recht. Als ich die Bonzenschule verlassen konnte, trainierte ich mir innerhalb von sechs Wochen Sommerferien mein rollendes „R“ zwanghaft ab, um an der neuen Schule nicht als Russlanddeutsche aufzufallen. Das klappte sogar sehr gut und heute frage ich mich, wie verzweifelt eine 13-jährige sein muss, um bewusst ihre eigene Aussprache zu anzupassen, um in Bezug auf ihre Herkunft endlich unsichtbar zu werden. Das klappte so gut, ich musste einem Mitschüler in der elften Klasse den Geburtsort auf meinem Ausweis zeigen, weil er nicht glauben konnte, dass ich Russlanddeutsche sei. Florian weiß wohl bis heute nicht, wie bedeutend das für mich war. Ich hatte die Unsichtbarkeit in Bezug auf meine Nationalität erreicht. Auch wenn ich dies inzwischen mit einem lachenden und einem weinenden Auge betrachte: Danke, Florian!

Und an die ganzen Kackbratzen: Danke für diese Lektionen im Leben! Danke, dass Ihr mich mit Eurer ungeheueren Dummheit und Intoleranz stärker gemacht und auf diese oftmals harte Welt vorbereitet habt! Ich bin, was oder wer auch immer ich sein will und wenn es ein verdammtes Einhorn mit grünen Flügeln und eingebautem Kühlschrank ist, dann ist das so und Ihr könnt rein gar nichts dagegen ausrichten! Um bei Eurem Niveau zu bleiben: Ätschibätsch!

Doswidanja,

Eure Alina.

PS: Ich war ein verdammt cooles Kind. Beweisstück A:

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Ein Gedanke zu “Vom Aufwachsen zwischen zwei Kulturen

  1. Danke, dass Du das teilst. Bewegend.

    Ich wünsche mir, dass ganz viele Menschen dies lesen, vor Allem aber die vielen die (noch) ignorant sind, was die Applikation von Stammtischsterotypen und staatlichen Etiketten an echten Menschen bewirkt.

    Zum Thema Etiketten, mein Vater musste zwei Wochen mit den südafrikanischen Behörden kämpfen, damit ich seine – die österreichische – Staatsbürgerschaft erhalte; als wir in der französischen Schweiz lebten, hatte ich zwar eine 5jährige Aufenthaltsgenehmigung, durfte aber nicht arbeiten, dazu hätte ich eine 20jährige gebraucht. Und die 20igjährige bekam ich nicht, weil ich keine Arbeit hatte o_O

    Heute in Österreich nennen mich manche gelegentlich eine Schweizer, weil ich ein paar Jahre dort gelebt habe (auch wenn ich mich mit diesem Land nicht identifiziere). Seufz…
    Meine Mutter war Deutsche, Tochter eines österreichischen Vaters, meine Stiefmutter Engländerin, Tochter eines aus seinem Land vertriebenen Deutschen.

    Die sogenannte „Nationalität“ ist viel weniger real, als suggeriert wird.

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