The future is „mingled“

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Die Vielzahl der Menschen ist immer noch davon überzeugt, dass das „normale“ und monogame Beziehungsmodell das einzig richtige und erfüllende darstellt und verteufelt unterschwellig oder offenkundig die sogenannten Mingles. Die Mingles wollen angeblich nur eine Beziehung führen, ohne es Beziehung zu nennen, um jederzeit den Notausstieg nehmen zu können. Mingles wollen ja nur keine Verantwortung übernehmen und haben Angst, dass der nächste „bessere und schönere Partner“, nur um die nächste Ecke auf sie wartet. Ach, stimmt das? Ich dachte auch mal genau so!

Was ist, wenn wir in unserer Gesellschaft grundsätzlich Beziehungsmodelle überdenken sollten und einfach nicht mehr zurückblicken, welches Lebensmodell unsere Eltern und Großeltern konstruiert haben, sondern unsere eigenen „modernen“ Bedingungen, Grundsätze und moralischen Werte festlegen? Polygame Beziehungen, Co-Parenting, offene Beziehungen, etc. sind realisierte Modelle, die schon beweisen, dass nicht alle mit dem veralteten Strom mitschwimmen wollen und sich „mehr“ wünschen. Freunde können außerdem auch Familienersatz sein und es sollte wichtiger sein, seine Freundschaften zu pflegen, als seine Freizeit ausschließlich darauf zu verwenden, drei Mal die Woche Tinder-Dates zu haben, um möglichst bald einen Braten in die Röhre zu schieben und als Paar auf Grillparties den Kartoffelsalat beizusteuern.

Natürlich sind Treue, Vertrauen, Verlässlichkeit und sich gegenseitig Rückhalt und Schutz zu bieten, wundervoll, aber manchmal können wir diese ganzen Parameter einfach nicht leisten. Manchmal ist das Leben ein Arschloch und wir sind einfach nicht fähig oder gewillt, jemandem alles zu geben, was er verdient hat, weil wir dummerweise selber gar nicht wissen, was wir verdienen und wen oder was wir brauchen. Es gibt Phasen in unserem Leben, da loten wir aus, wir probieren, kreieren und suchen nach uns selbst, weil wir irgendwo auf dem Weg zum Erwachsenwerden zwischenzeitlich vom Kurs abgekommen sind und eigentlich einfach nur schaukeln gehen möchten.

Für solche Momente sind Beziehungen, die wir keine Beziehungen nennen, vielleicht genau das Richtige. Ich halte solch ein Mingle-Dasein nicht länger für ein feiges Unterfangen, sondern für eine mutige Entscheidung weiterzumachen, obwohl der innere Sturm tobt oder man seinen emotionalen Kompass in den tosenden Wellen des Lebens verloren hat. Jemanden in sein Leben zu lassen und der Stagnation keinen Raum zu bieten, ist immer mutig und vertrauensvoll sich selbst gegenüber, denn das bedeutet: „Ich gebe nicht auf, ich lasse jemanden an mich ran. Ich mache weiter. Für mich.“ und das ohne den Druck zu haben, dass sie oder er jetzt die einzig Wahre für immer sein MUSS. Ich betrachte dies alles als Versuch-macht-klug-Projekte und eine Ode an den Hedonismus, wenn nicht sogar einfach Balsam für die geschundene Generation Y-Seele.

Warum soll man als Single, egal ob weiblich oder männlich, allein bleiben oder sich von One Night Stand zu One Night Stand hangeln, wenn man jemanden, den man vielleicht sogar wirklich einen Freund nennen kann, in sein Leben, auf seine Couch und in sein Bett lassen und sich gegenseitig Halt bieten kann? Weil man nur mit jemandem schlafen und „Netflix and Chill“ betreiben sollte, den man liebt? Wer hat das festgelegt? Deine Großeltern? Die katholische Kirche?

Oder ist das einfach nur eine romantische Wunschvorstellung von dir, weil du „Bridget Jones“ schon fünf mal gesehen hast und deshalb weißt, dass man doch selbst, wenn man ganze fünf Kilo zu viel auf den Hüften hat, die wahre Liebe finden wird? Über die „wahre Liebe“ und „den oder die einzig Wahre/n“ könnte ich noch 25 Blogposts verfassen, deshalb nur so viel: Wenn wir weniger damit beschäftigt sind, die Eine oder den Einen zu suchen, können uns wertvolle Beziehungen (denn auch eine Nicht-Beziehung ist irgendwo doch eine!) durch die Lappen gehen, weil wir den Blick für das Wesentliche verlieren: Das Leben ist zu kurz, um nur in eine Richtung zu blicken und die zeitlich begrenzten „Rastplätze“ mit einem guten Menschen, mit dem wir auch ohne Beständigkeit glücklich sein können, zu verpassen. Gemeinsam wachsen kann man auch in einer absehbar begrenzten Zeitspanne und vielleicht lernen wir uns auf diesen Rastplätzen selbst kennen und lieben? Natürlich sind Ehrlichkeit und Aufrichtigkeit bei diesem Thema ein Muss. Manche Regeln muss man einfach aufstellen, selbst als „verantwortungsloser Mingle“.

Ich habe die Erfahrung gemacht, dass man durch jeden Menschen, der ins eigene Leben tritt, etwas lernt. Mögen die Erfahrungen positiv oder negativ sein, Lektionen sind sie in jedem Falle und es bedarf Mut und Ausdauer von Lektion zu Lektion zu wandern, ohne sich auf ein einziges „richtiges“ Lebens- und Beziehungmodell für die eigene Zukunft zu versteifen.

Bist du der Meinung deine Doppelhaushälfte, die zwei Autos, deine anderthalb Kinder und dein Golden Retriever sind das, was dich letztendlich glücklich machen wird und weil du dieses Konstrukt forcierst, ist es das einzig richtige für dich? Wieso lässt du dich nicht einfach treiben, nimmst die Blumen am Wegesrand einfach dankend an und siehst ihren Zauber? Versteh‘ mich bitte nicht falsch, ich finde Ehrgeiz auch in Beziehungsfragen nicht verwerflich, aber können wir bei der ganzen Selbstoptimierung, dem Social Media-Ich-muss-alles-teilen-weil-sonst-ist-es-nicht-wahr-Kram und im Warum-habe-ich-nicht-so-einen-Hintern-wie-die-Kardashians-Zeitalter, nicht den Druck rausnehmen und aufhören auch noch ernsthaft zu glauben, dass wir einsam und elendig verrecken werden, wenn wir mit 32 nicht schon verheiratet und scheiße glücklich sind? Bist du einsam, weil du keinen festen Partner hast oder bist du einfach nur schlecht darin, Freundschaften zu pflegen und dich bei deinen Verwandten zu melden, die liebend gern wissen würden, wie es dir geht und mal gern auf eine Limo vorbeikommen würden? Wenn du Kinder willst und der Vater oder die Mutter deines Kindes ist noch nicht in Sichtweite, dann finde dich damit ab oder tu dich mit jemandem zusammen, der den gleichen Wunsch hat. Co-Parenting is a thing now.

Auch Mingle-Erfahrungen und die oftmals verteufelte Freundschaft-plus können dafür sorgen, dass du wächst und was noch viel wichtiger ist: Dich selbst lieben lernst, weil dich jemand mit Respekt und Güte behandelt oder selbst wenn das leider nicht der Fall ist, lernst du, was du ganz bestimmt nicht brauchst. Und bevor man diese Erfahrungen nicht gemacht hat, kann man ganz sicher nicht mit Bestimmtheit sagen, wer denn nun die einzig Richtige oder der einzig Richtige ist, wenn sie oder er an die Tür klopft.

Genieße dein Leben, denn morgen könnte es schon vorbei sein! Du hast alles verdient, was das Leben und die Liebe dir zu bieten hat. Nimm es an!

In verantwortungsloser Liebe,

deine Alina

Ein Gedanke zu “The future is „mingled“

  1. Gut geschrieben, und (wie ich finde) sehr wahr.

    Es gab mal eine studiVZ-Seite, „Walt Disney hat mir eine unrealistische Vorstellung von der Liebe vermittelt“ 😉

    Ich wundere mich andauernd über Menschen in meinem Umfeld, die scheinbar zwanghaft das von Dir erwähnte Einfamilienhaus mit Garten, zwei Kindern und dem Hund antreben, weil das ja dann Glück ist.

    Glücklich wirken die auf mich nicht, aber vielleicht bin das ja nur ich.

    Und das Haus liegt natürlich aus Kostengründen irgendwo ausserhalb, wodurch alle Kontakte, das soziales Leben, und jedes andere Ziel weit in den Hintergrund tritt; und darüber oft auch noch die Beziehung. Traurig. Dann sitzen sie dort fest, durch Kredite gebunden, grillen, und sind auf 200m² Wohnfläche allein, wenn die Kinder (die bloss weg wollen aus der Pampa) bald nicht mehr da sind.

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